Transformierende Reise in die Vergangenheit

Manche Menschen sagen: Schau nicht immer wieder zurück in die Vergangenheit. Sei dort nicht verhaftet. Die Vergangenheit ist längst vorbei. Lebe im Hier und Jetzt!
Carl Jung aber sagt: „Man wird nicht erleuchtet, indem man sich das Licht vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst wird.“ Und ich würde es so ausdrücken: Wenn du wachsen willst und eine wirkliche Veränderung willst, gibt es keine Abkürzung und keinen Weg drumherum. Du musst noch einmal durch den Schmerz hindurch.
Aber nicht um dort zu verweilen. Mit The Work unternimmst du eine 1 – 2-stündige Reise. Und wie das aussieht, zeigt folgendes Beispiel:
Sie machte es sich auf der Couch im Wohnzimmer bequem und freute sich auf den vergnüglichen Fernsehabend, zu dem sich die ganze Familie versammelt hatte. Aber dann geschah das Unbegreifliche. „Du siehst richtig fett aus.“, sagte ihr Vater.
Der Blick, mit dem er sie dabei anschaute, löste Entsetzen in ihr aus.
Papa lehnt mich ab.
Ich will, dass er mich gut findet.
Das waren die Gedanken, die sie wie ein Hammer trafen.
Inzwischen ist sie längst erwachsen, aber es schmerzt noch, wenn sie an diese Situation denkt und an all die anderen Situationen, in denen sie sich immer wieder von ihm abgelehnt gefühlt hatte. Sie möchte ihren Frieden damit finden. Darum reist sie noch einmal in die Vergangenheit. Sie beamt sich zurück in diese Situation, als würde gerade alles geschehen, und untersucht den Gedanken
„Papa lehnt mich ab.“ mit den Fragen von
The Work.
In dem Moment auf der Couch, wo dein Papa zu dir sagt, dass du richtig fett aussiehst, und du glaubst, er lehnt dich ab, wie reagierst du da, was passiert?
Es haut mir die Beine weg. Ich fühle mich haltlos, als hätte ich kein Zuhause mehr.
Ein Teil von mir weiß, dass es nicht stimmt, was er sagt. Ich war noch nicht mal pummelig, geschweige denn fett. Aber es gibt auch den Teil in mir, der sich schlagartig unsichtbar machen will und sich selbst komplett in Frage stellt und dieser Teil übernimmt in dem Moment vollständig das Ruder.
Wie gehst du
mit dir selbst um, wenn du glaubst, dein Papa lehnt dich ab?
Ich frage mich: Was müsste ich besser machen? Warum bekomme ich es nicht so hin, dass er zufrieden mit mir ist? Ich glaube, dass alles, was ich mache, falsch ist.
Und ich frage mich: Warum bin ich überhaupt hier? Es fühlt sich an, als hätte ich kein Recht auf dieser Welt zu sein. Oh, ich gehe vernichtend mit mir selbst um.
Wie behandelst du deinen Papa, in dem Moment, wo du glaubst, er lehnt dich ab?
Ich mache mich abhängig von seinem Urteil und von seiner Stimmung. Ich gebe meine ganze Macht an ihn ab.
In der gleichen Situation, wo er sagt, dass du richtig fett aussiehst und alles ist so wie es ist, aber der Gedanke, dass er dich ablehnt, taucht für einen Moment nicht auf. Du hörst seine Worte ohne diesen Gedanken.
Wer wärst du ohne den Gedanken?
Dann würde ich mich selbst nicht so fertig machen. Ich könnte mich äußern und wäre nicht so machtlos.
Kehre den Gedanken zu dir um.
Ich lehne mich selbst ab. Wie kann diese
Umkehrung in dieser Situation wahr sein? Kannst du ein Beispiel dafür finden?
Ja, ich lehne mich selbst ab, in dem Moment, wo ich glaube, dass er zu 1000 % Recht hat. Ich lehne mich mehr ab, als er es tut. Und das ist viel schlimmer. Denn ich bin mein ganzes Leben lang mit mir zusammen. Ich lehne mich in diesem Moment so ab, dass ich mir sogar die Daseinsberechtigung abspreche bzw. glaube, sie mir erkämpfen zu müssen.
Kehre den Gedanken zu ihm um.
Ich lehne ihn ab.
In dem Moment im Wohnzimmer, wie kann das wahr sein?
Ja, das ist auch wahr. Ich fühle keine Verbindung zu ihm, nur noch Ablehnung. Ich fühle mich wie abgeschnitten. Da ist NICHTS und dieses NICHTS ist schlimm. Ich lehne ihn als Vater ab.
Wie könnte auch die Umkehrung ins Gegenteil wahr sein?
Er lehnt dich nicht ab. Er sagt, du siehst richtig fett aus, aber es bedeutet nicht, dass er dich ablehnt. Kannst du dafür ein Beispiel finden?
Hm… ich glaube, er versucht mit mir in Kontakt zu kommen, Er will mich in seinen Schmerz ziehen, damit er mit seinem Schmerz nicht allein ist. Aber all das läuft ganz unbewusst ab. Er kann nicht anders.
Schauen wir uns noch den zweiten Gedanken an. Ich will, dass Papa mich gut findet.
Wie reagierst du in dieser Situation, was passiert, wenn du das glaubst?
Ich versuche ihm zu gefallen und gleichzeitig fühle ich mich unfähig, weil es mir scheinbar nicht gelingt. Und dann verurteile ich mich selbst. Es kostet mich meine Selbstbestimmung, meinen Selbstwert. Ich lasse es mit mir machen.
Du willst, dass Papa dich gut findet.
Wer wärst du ohne den Gedanken, dort auf der Couch?
Ich würde nicht mein ganzes ICH und mein ganzes SEIN in Frage stellen. Ich wäre frei von Selbstverurteilung und damit wesentlich entspannter. Die Macht bleibt bei mir. Mein Wert bleibt erhalten.
Ich will, dass ich mich gut finde.
Wie kann diese Umkehrung zu dir selbst wahr sein?
Na 100 % ist diese Umkehrung wahr. Ja, ich will, dass ich mich gut finde, denn dann wären alle negativen Gefühle nicht da und ich wäre ganz in meiner Kraft und ganz bei mir. Ich will, dass ich mich gut finde und nicht meine eigene Wahrnehmung durch die Meinung eines einzigen Menschen in Frage stelle.
Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Aber wenn wir erkennen, dass wir uns selbst genauso schlecht behandelt haben, wie der andere uns scheinbar behandelt hat oder sogar noch schlechter. Wenn wir damit erkennen, dass wir uns die Dinge selbst angetan haben. Wenn wir das auf unserer Reise mit The Work nicht nur mental erkennen, sondern auf einer tiefen Ebene fühlen, so dass es greifbar wird, dann ändert sich unsere Realität. Dann sind wir nicht länger Opfer. Dann können wir uns fragen und bewusst wahrnehmen: Wo lehne ich mich zum jetzigen Zeitpunkt immer noch ab? Wo stehe ich immer noch nicht 100 % hinter mir? Wo stelle ich noch die Meinung eines anderen über meine eigene? In welchen Situationen, mit welchen Menschen gebe ich noch meine Macht ab und mache mein Wohlbefinden von ihnen abhängig? Wo führe ich dieses alte in der Kindheit entstandene Muster noch fort und ist mir das jetzt noch dienlich?
Dann findet Bewusstwerdung im Hier und Jetzt statt. Und diese Bewusstwerdung führt zu Veränderung. Wenn diese Bewusstwerdung unser Denken und Fühlen verändert, und damit nach und nach auch unsere Art und Weise durchs Leben zu gehen, unsere Taten und Handlungen, dann strahlen wir etwas anderes aus. Unser Inneres hat sich verändert und das wird im Außen deutlich sichtbar. Damit verändert sich automatisch auch das Äußere. Die Menschen begegnen uns anders. Es begegnen uns neue Menschen. Unser Leben transformiert sich.
Ute Netzmann
(Coach für The Work of Byron Katie)







